Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit
www.baustein.dgb-bwt.de   DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.

A

Einführung
KONZEPT

Einführung - Konzept

Reaktionsmöglichkeiten

Für alle, die an dieser Stelle des Bausteins beginnen zu lesen, betonen wir nochmals: Es ist nicht unser konzeptioneller Ansatz, Rassismus durch Re-Agieren auf rassistische Aussagen entgegen treten zu wollen. Warum wir statt dessen vorschlagen, Rassismus als Thema in jedes Seminar einzubeziehen, haben wir in unserem Konzepttext begründet. Vorschläge, wie dies praktisch umgesetzt werden kann, findet ihr in Teil B.

Dennoch ist es natürlich wichtig, auf rassistische, antisemitische oder rechtsextreme Äußerungen zu reagieren. Im Folgenden geben wir einige Hinweise, was dabei beachtet werden sollte. Diese Hinweise gelten für „Normalgruppen“, also nicht für rechtsextreme Zielgruppen. Für die Arbeit mit „rein rechten“ Gruppen sind spezifische Antworten gefordert, die den Rahmen dieses Bausteins sprengen würden. Wir gehen für den überwiegenden Teil der Bildungspraxis davon aus, dass rechte Denkmuster (Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, autoritäre Orientierung …) in den Seminaren und Veranstaltungen mehr oder weniger stark, niemals jedoch ausschließlich vorhanden sind.

Immer reagieren!

Rassistische, antisemitische oder andere chauvinistische Positionen sollten nie unwidersprochen hingenommen werden, um der ohnehin fortschreitenden Normalisierung solcher Denk- und Verhaltensweisen nicht auch noch zuzuarbeiten. Möglicherweise erfährt eine Person im Seminar zum ersten Mal Widerspruch zu ihrer Position. Darin steckt eine große Chance, vor allem, wenn im Verlauf des Seminars eine Beziehung zwischen den Beteiligten aufgebaut werden konnte.

Schritte zurück zulassen

Es ist wichtig, den Betreffenden immer eine Chance zu geben, Äußerungen abzustufen, sie zu erklären, oder zurückzunehmen. Was jedoch nicht heißen soll, dass es nicht Positionen gibt, die deutlich und unmissverständlich zurückgewiesen werden müssen.

Nachfragen

Es ist besser, erst mal nachzufragen: „Glaubst du das wirklich?” oder „Erklär mal”, bevor man kontert, manchmal lösen Fragen einen Denkprozess aus oder führen zu einer Diskussion.

Worum geht es noch? – Versteckte Botschaften

Eine rassistische Äußerung ist eine rassistische Äußerung und nicht der Ausdruck sozialer Probleme. Trotzdem stecken hinter rassistischen Äußerungen manchmal noch weitere Probleme, die sich herausarbeiten und diskutieren lassen, wie z.B. die Angst, keine Arbeit zu bekommen.

Erfahrungen ernst nehmen, Pauschalisierungen zurück weisen

Erzählungen selbst erfahrener schlechter Erlebnisse müssen ernstgenommen werden, Pauschalierungen sollten jedoch bearbeitet und deutlich zurückgewiesen werden.

Emotional reagieren

Die emotionale Reaktion hilft oft, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden und zeigt dem / der Anderen: Mir ist es ernst, das Thema hat etwas mit mir zu tun, du musst dich jetzt mit mir auseinander setzen. Dabei haben die TeilnehmerInnen die Chance, ihre Äußerungen zu erklären, abzustufen oder zurückzunehmen.

Argumentieren

Diese Strategie setzt auf Aufklärung mit Gegenargumenten und Zusatzinformationen. Häufig jedoch sind rassistische Äußerungen mit Gegenargumentationen nicht aus der Welt zu schaffen (siehe unten und auch: KAPITEL C.1, VON VOR- UND ANDEREN URTEILEN ).

Distanzieren

Oft ist es sinnvoll, sich von Äußerungen klar zu distanzieren, aber keine unmittelbare Diskussion anzufangen. Wir empfehlen dies vor allem bei Personen, die versuchen, mit ihren rassistischen oder antisemitischen Positionen die Diskussion zu steuern.

Das Thema nochmals aufgreifen

Wenn möglich, sollte das Thema, das hinter einer rassistischen oder antisemitischen Äußerung steckt, in einem passenden Seminarschritt in geeigneter Weise noch einmal aufgegriffen werden. Wenig halten wir von „Extrathemen”, die aufgrund rechter Äußerungen neu eingefügt werden.

Ironie

Humor, ironische Umkehrungen und Sarkasmus sind Reaktionsmöglichkeiten, die oftmals weniger blockieren als der moralische Zeigefinger.

Überzeugten Rechten kein Forum bieten

Sollten sich in der Seminargruppe überzeugte oder gar organisierte Rechte befinden, muss das Team grundsätzlich überlegen, was es tun soll. Hier geht es nicht nur um Reaktionen auf einzelne Aussagen, sondern um die Frage, ob das Seminar mit der betreffenden Person weiter geführt werden kann. Ein Team sollte sich immer die Entscheidung vorbehalten, TeilnehmerInnen vom Seminar auszuschließen und das Verfahren mit dem Träger abstimmen. Ein solcher Schritt sollte jedoch gut überlegt werden. Der Ausschluss von Personen aus einem freiwilligen Lernzusammenhang ist eine tiefgreifende Entscheidung, die außerdem immer die Gefahr in sich birgt, ein gesellschaftliches Problem personalisiert lösen zu wollen. Wir schlagen vor, ausgehend von der konkreten Seminarsituation negative und positive Effekte des Ausschlusses sowie alternative Handlungsmöglichkeiten abzuwägen. Im Mittelpunkt sollte die Frage stehen: Was will ich mit meinem Seminar?

Grenzen der Argumentation mit überzeugten Rechten

Diskussionen mit organisierten Rechten sind unseres Erachtens nicht nur zwecklos, sondern sie bestätigen ihnen, dass ihre Meinungen diskutierenswert sind. Wir raten deshalb, ihnen und ggf. Beteiligten unmissverständlich mitzuteilen, dass es für ein Gespräch keine Grundlage gibt.

Etwas anders sieht es bei sehr jungen überzeugten Rechten aus oder bei Personen, die trotz ihrer Überzeugung an einer inhaltlichen Diskussion mit dir (vielleicht aufgrund privater Beziehungen oder des bisherigen Seminarverlaufs) interessiert sind. Hier sollte man natürlich alle Möglichkeiten eines Gesprächs nutzen, aber dennoch auf zwei beliebte „Fallen“ achten.

Geschulte Rechte bauen ihre Argumente oft auf historischen oder aktuellen Lügen auf, die bekannteste ist die Auschwitz-Lüge. Wer darauf beharrt, daß die Deutschen nicht 6 Millionen Juden und Jüdinnen ermordet haben, will im Kern sagen, dass der Holocaust nicht so schlimm war. Überlegt also, was hinter einer Aussage steckt, bevor ihr „Sachargumente“ (etwa über die Kapazität von Verbrennungsöfen …) ausbreitet. Hinweise zu Möglichkeiten der „subversiven Argumentation“ findet ihr in AKTIVITÄTWidersprechen, aber wie?. B.4, Seite 103 .

Geschulte Rechte arbeiten mit gezielten Unterstellungen, um ihre GesprächspartnerInnen aufs Glatteis zu führen. So unterstellen sie z.B. regelmäßig, dass deutsche Kinder und Jugendliche sich noch heute schuldig für den NS fühlen sollen, dass international nur die Deutschen für Verbrechen zur Rechenschaft gezogen würden oder dass alle Wehrmachtssoldaten pauschal als Verbrecher bezeichnet würden. Wir sollen mit solchen Unterstellungen in Argumentationsnöte gebracht werden und absurde Thesen verteidigen, die wir selbst nicht vertreten. Deshalb: Diskutiert nicht über Unterstellungen, sondern nur über eure eigenen Argumente!

Rechtliche Schritte

Wenn aus rechten Äußerungen Handlungen werden, können / müssen ggf. rechtliche Schritte in Erwägung gezogen werden.

Unter Nutzung von:
Aktion Courage – Arbeitsgruppe SOS Rassismus (1977): Rassismus begreifen. Was ich schon immer über Rassismus und Gewalt wissen wollte, Villigst.
hbv, Abteilung Gewerkschaftliche Bildung und Kulturarbeit (1993): Arbeitshilfe Rassismus und Chauvinismus.

Übersicht
A
Idee, Hintergrund, Konzeption
B.1
Jetzt geht's los!
B.2
Erfahrungen
B.3
Gesellschaft begreifen
B.4
Tu was!
B.5
Wie die Zeit verging
B.6
Themenungebundene Methoden
C.1
Von Vor- und anderen Urteilen
C.2
Antisemitismus entgegentreten
C.3
Rassismus als gesell. Verhältnis
C.4
Rassismus und Sprache
C.5
Sicherheit und Gewalt
C.6
Rechte Bilderwelten
C.7
Nation und Nationalismus
C.8
Migration
C.9
Weltarbeit und Wirtschaftswelt
C.10
Diskriminierung
D
Literatur, Medien, Adressen
E
Register, Inhalt
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